
Und schon wieder ist Rosch Chodesch Adar da. Kaum hat man die Chanukkaleuchter verstaut, klopft Purim bereits leise – und manchmal auch ziemlich laut – an die Tür. Wie schnell doch ein jüdisches Jahr vergeht. Kaum haben wir einen Feiertag gefeiert, stehen wir schon mitten in den Vorbereitungen für den nächsten. Ist es nicht genau dieser Kreis des Lebens, der uns Struktur gibt und uns beflügelt?
Rosch Chodesch Adar bedeutet Freude. Und Adar bedeutet Purim. Purim bedeutet Lachen, Lärm, Verkleidungen, der Duft von frisch gebackenen Hamantaschen, das Suchen nach neuen Ideen für die Mischloach Manot, «Essensgeschenke für Andere» und die Spenden an Bedürftige. Und irgendwo im Hintergrund beginnt bereits die Stimme von Pessach zu flüstern. Bald wird wieder geschrubbt, sortiert, gekocht und organisiert. Aber noch sind wir bei Purim. Und Purim gehört den Kindern. Und, wenn ich ehrlich bin, auch uns Müttern.
Ich erinnere mich, wie früher bei uns jeweils die Ideen für Kostüme entstanden. Wochen vor Purim wurde gezeichnet, verworfen, neu überlegt. Und als passionierte Näherin wurde Purim für mich zu einem eigenen Projekt zwischen Kreativität, Stoffresten und viel zu kurzen Nächten.
Doch sobald man mit Stoffen arbeitet, tauchen Fragen auf. Welche Materialien darf ich überhaupt verwenden? Was sagt die Halacha zur Kleidung? Und plötzlich ist man nicht mehr nur Mutter und Schneiderin, sondern auch Lernende in einem uralten Gespräch zwischen Texten, Generationen und Tradition.
Das Verbot von Kilajim/Schaatnes
Das Judentum kennt das Verbot, verschiedene Arten miteinander zu vermischen. Bereits im Buch Genesis (Bereschit) wird betont, dass jede Art ihre eigene Ordnung hat. In der Kleidung findet dieses Prinzip seinen Ausdruck im Verbot von Kilajim. Besonders bekannt ist dabei Schaatnes – die Mischung von Wolle und Leinen in einem Kleidungsstück. Die Halacha verbietet nicht nur das Tragen solcher Stoffe, sondern sogar, sich mit ihnen zu wärmen oder darauf zu liegen.
Dem gegenüber steht ein wunderschönes positives Gebot: die Zizit. Diese Schaufäden an viereckigen Kleidungsstücken sollen uns an alle Gebote erinnern. Wenn ich darüber nachdenke, berührt mich dieser Gedanke jedes Mal neu. Kleidung wird plötzlich mehr als Schutz oder Schmuck – sie wird Erinnerung. Früher gehörte zu den Zizit sogar ein purpurblauer Faden, Techelet. Heute sind die Fäden meist weiss, weil das Wissen um die Herstellung dieser Farbe lange verloren ging. Und doch bleibt die Botschaft dieselbe: Ein Blick auf die Zizit soll uns helfen, unseren Weg bewusst zu gehen.
Hillel versus Schammai
Wie so oft in der jüdischen Tradition blieb es nicht bei einer einzigen Auslegung. Zwischen den Gelehrtenschulen Bet Schammai und Bet Hillel entstand eine Diskussion darüber, ob Leinengewänder mit Zizit versehen werden müssen. Aus Sorge, man könnte diese Kleidung auch nachts tragen – wenn das Gebot der Zizit nicht gilt, das Verbot von Schaatnes aber weiterhin besteht – vertrat Bet Schammai eine strengere Haltung. Im Laufe der Zeit setzte sich diese vorsichtigere Praxis weitgehend durch.
Parallel dazu änderte sich auch die Kleidung selbst. Das einfache Leintuch verschwand langsam aus dem Alltag. Stattdessen entwickelte sich der Tallit – ein besonderes Gewand nur für die Mizwa. Wenn ich Männer im Gebet sehe, eingehüllt in ihren Tallit, wirkt das auf mich jedes Mal wie ein stiller Moment der Sammlung. Später entstand zusätzlich der Brauch, den Tallit Katan unter der Kleidung zu tragen – eine Mizwa, die den ganzen Tag begleitet, leise und unsichtbar, aber präsent.
Lo jilbasch
Und dann steht da noch eine andere Frage, die gerade rund um Purim immer wieder auftaucht: Darf man Kleidung des anderen Geschlechts tragen?
In der Tora, im Buch Deuteronomium (Dewarim), wird festgehalten, dass Männer keine Frauenkleidung tragen sollen und Frauen keine Männerkleidung. Dieses Verbot nennt man Lo jilbasch (man trage nicht). Doch auch hier zeigt sich, wie differenziert Halacha denkt. Es geht nicht nur um ein einzelnes Kleidungsstück, sondern um die gesellschaftliche Bedeutung, die Absicht und den Kontext. Kleidung wird danach beurteilt, wie sie in einer bestimmten Zeit und Gesellschaft verstanden wird.
Sauberkeit und Würde sind zentral
Maimonides betont in seinem Sefer Hamada, Hilchot Deot 5.9 die Bescheidenheit, Würde und Rücksichtnahme im äußeren Auftreten – sowohl in Kleidung als auch in Verhalten. Ziel ist es, Respekt vor der Tora zu bewahren und moralische Integrität zu wahren. Die Kleidung muss sauber sein, frei von Flecken. Unsaubere Kleidung wirkt abstoßend und kann die Tora in Verruf bringen.
Im heutigen jüdischen Kontext werden die Kleidungsvorschriften aus Hilchot Deot oft adaptiert und kontextualisiert, wobei die Grundprinzipien – Bescheidenheit (Tzniut), Würde und Respekt – weiterhin zentral sind. Der Mensch soll weder zu prunkvollen noch heruntergekommene Kleidung wie ein Betler tragen. Der goldene Mittelweg, das Mittelmaß ist gefragt. Die Kleidung soll gefällig, aber nicht auffällig sein. Die jungen Generationen kombinieren oft moderne Mode mit religiösen Vorschriften. So finden wir heute zahlreiche „koschere Mode“-Blogs, welche den modernen Frauen verschiedene Wege Kleidung, Kofbedeckung und Kosmetika Anleitungen, Inputs und neue Themen vorstellen.
Und Purim?
Purim ist eine besondere Welt. Viele halachische Autoritäten erlauben Verkleidungen, weil sie Teil der Purimfreude sind. Gleichzeitig erinnern einige Poskim, jüdische Autoritäten daran, dass Grenzen wichtig bleiben, besonders wenn Darstellungen respektlos oder unangemessen werden. Bei Kindern sind diese Grenzen oft fliessender. Vielleicht, weil Purim uns auch daran erinnert, wie wertvoll kindliche Freude ist.
Interessanterweise werden ähnliche Fragen auch im Theater oder Film diskutiert. Wenn die Absicht rein künstlerisch oder beruflich ist und keine Täuschung oder Provokation beabsichtigt wird, wird vieles anders beurteilt.
Während ich Stoffe zuschneide oder Knöpfe annähe, denke ich oft daran, wie sehr Kleidung im Judentum mit Identität verbunden ist. Kleidung erzählt Geschichten. Sie erinnert. Sie schützt. Sie verbindet uns mit Generationen vor uns. Und manchmal – gerade an Purim – erlaubt sie uns auch, für einen Moment jemand anderes zu sein. Vielleicht, damit wir danach umso klarer erkennen, wer wir wirklich sind.
Und während die Kinder ihre Kostüme anprobieren, die Wohnung langsam nach Backwaren riecht und irgendwo bereits die ersten Pessachlisten entstehen, spüre ich wieder diese besondere Mischung aus Freude, Verantwortung und Dankbarkeit. Adar ist da. Und mit ihm kommt die Erinnerung daran, dass Freude selbst eine Mizwa sein kann.
Wer weiss – vielleicht liegt gerade darin das grösste Geheimnis von Purim.
Habe ich Ihr Interesse geweckt? Viel mehr zu diesen Themen findet Ihr beim Verlag Morascha. Besonders empfehlenswert sind in diesem Kontext die Bücher von Elieser Levi, «Brennpunkt Halacha» und das Basiswerk von Maimonides «Sefer Hamada».