Warum ich Weihnachten nicht feiere – und was ich stattdessen mache

Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt: Wie erleben jüdische Menschen die Weihnachtszeit? Oder was Chanukka wirklich bedeutet – jenseits vom Begriff «jüdisches Weihnachten»? Als Jüdin bekomme ich im Dezember oft dieselbe Frage: «Feierst du Weihnachten?»

Meine Antwort ist einfach: Nein, ich feiere kein Weihnachten. Weihnachten erinnert an die Geburt Jesu Christi, den Christen als Sohn Gottes und Erlöser verehren. Für mich als Jüdin spielt Jesus keine religiöse Rolle – er ist eine historisch wichtige Figur, aber kein Bestandteil meines Glaubens. Weihnachten gehört also nicht zu meiner Tradition.

Heisst das nun, der Dezember sei für mich bedeutungslos? Ganz und gar nicht! In diese Zeit fällt oft Chanukka, das «Lichterfest». Viele verwechseln Chanukka mit einer Art jüdischem Pendant zu Weihnachten – ein Missverständnis. Chanukka erinnert an den Sieg der Makkabäer über die syrisch-griechische Herrschaft im 2. Jahrhundert v. Chr. und an das kleine Öl-Wunder im Tempel, das acht Tage lang brannte.

Die Wunder von Chanukka – damals und heute

Die Wunder von Chanukka ereignen sich auch heute noch, in jeder jüdischen Gemeinde. Rabbiner Samson Raphael Hirsch betont das «innere und äussere Licht der spirituellen Wiedereinweihung», sowohl für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft.

Die Geschichte des Öls, das acht Tage brannte, ist gerade heute relevant: Chanukka steht für die Erhaltung und Erneuerung des Judentums. Es ist unsere persönliche Verantwortung, diese Weitergabe jedes Jahr neu zu erleben, zu bekennen und öffentlich zu feiern. Die Texte von Rabbiner Hirsch zeigen klar: Die Erneuerung des Chanukkalichts hängt von jedem einzelnen Juden ab. Chanukka ist keine Rückschau, sondern ein fortlaufendes Prinzip des jüdischen Lebens.

Wie zelebrieren wir diese Erneuerung?

An Chanukka sprechen wir ein besonderes Gebet für die Wunder: Al haNissim. Es ist ein Dankgebet, eingefügt in die tägliche Amida (Achtzehngebet) und ins Tischgebet. Rabbiner Hirsch übersetzt:

«Für die Wunder, für die Befreiung, für die machtvollen Taten, für die Siege und für die Kämpfe, die Du unseren Vätern in jenen Tagen zu dieser Zeit bewirkt hast.»

Unsere Feinde wollten stets zuerst die Kenntnis der Tora schwächen – denn wer die Lehre nicht mehr kennt, kann sie auch nicht mehr leben. Deshalb musste Matitjahu im Makkabäer Krieg zunächst die Umgebung des Tempels und die abgefallenen Juden zurückgewinnen und das pflichttreue Familien- und Gemeindeleben wiederherstellen.

Die wahrhaftigen Chanukkalichter waren nicht jene im Tempel, sondern jene in den Häusern und Herzen, die Matitjahu neu entfachte. Dieses innere Licht wurde für zukünftige Generationen durch das Öl-Wunder besiegelt.

Und was mache ich an Weihnachten?

Chanukka ist kein Weihnachtsfest, sondern ein Fest des Lichts, der Freiheit, der Erhaltung des Judentums und der Hoffnung. Acht Abende lang zünden wir Kerzen an, Kinder bekommen kleine Geschenke oder Münzen, und es gibt typische Speisen aus Öl – Sufganiot (Berliner) und Latkes (Kartoffelpuffer).

Und an den Weihnachtstagen? Da gibt es immer viel zu tun. Ich nutze die freien Tage, um aufzuräumen, Liegengebliebenes zu erledigen oder neue Kochrezepte auszuprobieren. Ich besuche Freunde, gehe spazieren – oft auch mehr Zeit mit meinem Pferd verbringen – und geniesse die Ruhe, die sonst im Alltag fehlt.

Ein Highlight war einmal eine Zeitungsserie über Menschen anderer Religionen an Weihnachten. Meine Familie wurde interviewt, und die Redaktion wählte den Titel «Die roten Rabbiner» – weil mein Sohn Weihnachtsmänner mit roten Rabbinern gleichgesetzt hatte. Legendär!

Ich tausche auch gerne Rezepte mit nicht-jüdischen Bekannten aus. Wenn sie mir erzählen, wie stressig all die Weihnachtsessen und Anlässe sind, muss ich schmunzeln: Wir bereiten jeden Schabbat zwei grosse Festmahlzeiten vor – und das alles vor Schabbat, da Kochen am Schabbat verboten ist. Für uns ist dies Normalität – für andere Stress pur.

Dezembertage – erholsame Tage

Mein Dezember ist also anders – aber genauso besonders. Ich geniesse meine eigene, reiche Tradition: Feste, die von Geschichte, Gemeinschaft, Freiheit, Erneuerung und Dankbarkeit erzählen – auf unsere ganz eigene, lebendige Weise.

Habe ich Ihr Interesse geweckt? Wollen sie mehr zum Thema Chanukka, jüdisches Gebet und die jüdischen Werte erfahren, dann besuchen sie die Webseite von unserem Verlag Morascha. Meine Ideen basieren auf den Schriften von Rabbiner Samson Raphael Hirsch, besonders auf dem Hirsch Siddur.