„Licht aus der Vergangenheit – Jüdische Stärke im 21. Jahrhundert“

Was bedeutet jüdische Stärke im 21. Jahrhundert?

Jüdische Stärke ist etwas Tiefes und Stilles. Sie zeigt sich nicht nur in Widerstand oder Kampf, sondern vor allem im Überleben, im Weitergehen, im Weiterlieben, im Weitermachen. Nach allem, was unser Volk erlebt hat, ist es ein Akt der Stärke, zu leben, zu feiern, zu lernen und zu tanzen.

Jüdische Stärke bedeutet, Mensch zu sein, selbst wenn die Welt unmenschlich ist. Es bedeutet, Fragen zu stellen, zu lernen, kritisch zu denken und nicht einfach blind zu folgen. Es verlangt von uns, unsere Geschichte zu kennen und sich zu erinnern. Und dies nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung. Wir tragen ein kollektives Gedächtnis, und darin liegt unsere Zukunft.

Unsere Familiengeschichte – ein Beispiel für jüdische Stärke

Der Vater meiner Schwiegermutter wurde in der Reichspogromnacht verhaftet und dreißig Tage lang im Konzentrationslager Dachau festgehalten. Nach seiner Entlassung kehrte er zurück, erschüttert, verstört, sprachlos aber entschlossen zu handeln. Er verschwand für eine Zeit in den Wäldern rund um München, um zu planen, zu hoffen, Wege zu suchen. Schließlich verkaufte er sein gut gehendes Geschäft für wenig Geld aber 5 Fahrkarten in die Sicherheit, verließ sein herrschaftliches Haus in München und floh mit seiner Frau, zwei Töchtern und einem Sohn ins benachbarte Fürstentum Lichtenstein. Im Frühling 1940 erreichten sie ihr Ziel. Nun wohnten sie in einer kleinen Dreizimmerwohnung, weit entfernt vom früheren Wohlstand. Der Schock war tief, aber das Leben hatte Vorrang vor jedem Besitz.

Vom Verlust zur Zukunft

Dort verdiente die Familie zunächst ihren Lebensunterhalt als Puppenmacher. Später gelang ihnen die Weiterreise in die Schweiz. Trotz der schweren Jahre, trotz Verlust und Entwurzelung, gelang es den drei Kindern sich eine neue, verheissungsvolle Zukunft zu schaffen. Alle heirateten, gründeten Familien und schufen sich schließlich ein Leben voller Stabilität, Würde und neu gewonnener Sicherheit. Ihr Weg erzählt von Mut, von Opfer, von Hoffnung — und davon, wie jüdisches Leben immer wieder neu erblüht.

Zurückgeblieben waren jedoch die Tante und die Cousine meiner Schwiegermutter. Sie hatten keine Möglichkeit zur Flucht. Beide wurden ermordet. Ihre Erinnerung prägt uns — und verpflichtet uns.

Was bleibt?

Für uns heute bedeutet dieses Erbe, wachsam zu sein, Gerechtigkeit zu achten und niemals gleichgültig gegenüber Unrecht zu sein. Es bedeutet, Freiheit und Menschenwürde hochzuhalten, weil wir wissen, wie zerbrechlich sie sind.

Als jüdische Mutter gebe ich diese Stärke weiter nicht durch Angst, sondern durch Licht.

Durch Rituale, durch Geschichten, durch Stolz.

Durch die Wärme eines Zuhauses, in dem jüdische Identität lebendig und liebevoll spürbar ist.

Chanukka – Licht, Zuhause und Gemeinschaft

So erleben wir die jüdischen Feiertage intensiv. Sie sind geprägt von Familienritualen. Wir feiern in der Familie Chanukka, das Licht des Ölwunders mit viel Intensivität, Tradition und Freude. Jeder der acht Tage erleben wir etwas anderes und am achten Tag, wenn alle Lichter brennen, trifft sich die ganze Familie (heute sind wir fast 30 Personen nur die engste Familie) zum gemeinsamen Lichterzünden, Berliner Essen, Liedersingen, Geschichtenhören und Feiern.

Wir sind Teil einer uralten Kette.
Unsere Existenz ist ein Sieg.
Unser Leben ist die Antwort.

Nicht durch Trauma, sondern durch Zukunft.
Nicht durch Dunkelheit, sondern durch Licht.

Weiterführende Lektüre

Wollen Sie mehr zum Thema Jüdische Leben nach der Reichspogrom Nacht erfahren, stöbern Sie in unserem Verlagsprogramm. Besonders zu empfehlen ist das Buch von Chaim Halevy Donin, Jüdisches Leben, die Geschichtsbücher von Gilbert und Libby Klaperman Von der Menora zum Davidstern – Die Geschichte des jüdischen Volkes, Ella Selig Zarte Seele in harten Zeiten oder von Yaffa Ganz Mit Beni, Bina und der Taube Chaggai durch das Jüdische Jahr