
Wenn ich an den Monat Schwat denke, taucht vor meinem inneren Auge fast automatisch ein Baum auf. Still, verwurzelt, und doch voller Bewegung. Der wohl bekannteste Tag dieses Monats, des elften Monats ist Tu-BiSchwat, der fünfzehnte Schwat – das «Neujahr der Bäume». Aber was feiern wir da eigentlich wirklich? Nur die Bäume? Oder vielleicht auch uns selbst?
In der Tora, im fünften Buch Moses, Sefer Dewarim (20, 19), steht der berühmte Satz:
«Ki ha-adam hu etz ha-sade» – «Der Mensch ist wie ein Baum im Feld.»
Eine irritierende Aussage. Ist ein Mensch denn wirklich ein Baum? Und doch begleitet uns dieser Vergleich seit Generationen, besonders rund um Tu-BiSchwat.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr leuchtet er mir ein. Es gibt so viele Baumarten und genau so vielfältig sind auch wir Menschen. Manche wachsen langsam, andere schiessen scheinbar mühelos in die Höhe. Manche tragen früh Früchte, andere brauchen Zeit. Und alle sind sie abhängig von ihren Wurzeln. Ja, wir brauchen Wurzeln und diese Wurzeln müssen stark sein. Nur wenn wir starke Wurzeln haben, können wir den Stürmen entgegenstemmen. Mit den Wurzeln suchen wir nach Wasser und dies ist unsere stets benötigte Nahrung.
Die Tora ist Wasser
Wasser steht für das Notwendige, das, ohne das kein Leben möglich ist. Die Weisen erklären: Dieses Wasser ist die Tora. Wie Wasser erhält sie das Leben, reinigt und erneuert, und fliesst nach unten – zu jenen, die Demut haben. Ohne Wasser verdorrt alles. Ohne Tora vertrocknet die Seele.
Eine besonders eindrückliche Geschichte findet sich im Buch der Richter, Sefer Schoftim (9, 8-15). Dort erzählt eine Fabel von Bäumen, die sich einen König wünschen. Sie wenden sich an den Ölbaum, den Feigenbaum und den Weinstock. Doch alle lehnen ab. Warum? Weil sie bereits eine Aufgabe haben. Sie tragen Früchte. Sie spenden Segen. Wozu also entwurzelt werden und Macht ausüben?
Nur der Dornbusch sagt zu. Machtgierig, leer, ohne eigene Frucht – und stellt sogar Bedingungen. Schutz verspricht er, Schatten, den er gar nicht geben kann. Und droht zugleich mit Zerstörung. Wie zeitlos diese Geschichte ist. Wie oft begegnen wir Menschen, die laut, aber innerlich hohl sind? Und wie leise sind jene, die wirklich geben?
Die Tora ist ein Baum
Bemerkenswert ist, dass nicht nur der Mensch, sondern auch die Tora mit einem Baum verglichen wird. Im Buch der Sprüche, Sefer Mischle, (3, 18) heisst es:
«Ein Baum des Lebens ist sie denen, die sie ergreifen.»
Ein Baum des Lebens. Ein Baum wächst langsam. Er braucht Zeit, Pflege, Geduld.
Er steht für: Verwurzelung, Beständigkeit, Fruchtbarkeit, Weitergabe an die nächste Generation.
Nicht ein fertiges Gebäude, nicht ein abgeschlossenes System – sondern etwas, das wächst. Lebendig bleibt. Pflege braucht. Fest verwurzelt ist.
Was lernen wir daraus? Vielleicht dies: Stillstand gibt es nicht. Entweder wir wachsen – oder wir trocknen innerlich aus. Dazwischen liegt nichts.
In den Sprüchen der Väter, Pirke Awot werden Menschen, die Tora studieren und nach ihr leben, erneut mit Bäumen verglichen. Je mehr sie lernen, desto tiefer werden ihre Wurzeln. Und paradoxerweise: desto kleiner wird ihr Ego. Ganz anders als beim Dornbusch, der zwar sticht, aber keinen Schatten spendet.
Ein starker Baum breitet seine Äste aus, trägt Früchte und bietet Schutz. Genauso eröffnet die Tora unzählige Wege – jeder Zweig eine neue Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, Sinn zu finden und Frucht zu bringen.
Wasser und Baum zusammen
Ein Baum ohne Wasser kann nicht wachsen. Wasser ohne Aufnahme versickert. Und genauso verhält es sich auch mit der Tora. Als Wasser nährt sie uns täglich und als Baum schenkt sie Halt, Richtung und Früchte.
Die Tora will nicht nur gelernt, sondern gelebt werden. Sie will uns durchströmen – und in uns Wurzeln schlagen. Das ist eine treffende Interpretation der jüdischen Ethik, die darin gelehrt wird. Sie verknüpft die lebensnotwendige Bedeutung der Tora mit einer alltäglichen Metapher des Wachstums.
Vielleicht ist Tu-BiSchwat deshalb nicht nur ein Fest der Bäume. Vielleicht ist es eine leise Einladung an uns selbst:
Wie stehen wir da? Sind unsere Wurzeln genährt? Tragen wir Früchte? Oder verlangen wir nach Macht, wo eigentlich Wachstum gefragt wäre?
Und vielleicht genügt es manchmal, einfach still zu werden – wie ein Baum im Feld – und wieder zu lernen, in die richtige Richtung zu wachsen.
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