
Die Schule ist vorbei, der Sommer ist da, und wir wollen weg. Raus aus unserem Trott und den Alltag hinter uns lassen. Auftanken, um dann mit neuem Elan die bevorstehenden Hohen Feiertage und das kommende Jahr in Angriff zu nehmen. Wir brauchen diese Ferien! Wir träumen von frischer Luft und kühlen Nächten. Die Kids sollen rennen, wir wollen atmen. Aber nicht an irgendeinem Ort, sondern dort, wo wir unser Judentum nicht im Koffer lassen müssen.
Was wir wollen: Urlaub, Ruhe – aber mit Minjan
Wir suchen einen Ort, der nach Freiheit riecht, aber auch Läden mit koscherem Lebensmitteln hat. Einen Platz, wo man Schabbat feiern kann, ohne vorher die halbe Wohnung auf den Kopf zu stellen, weil es an allen Ecken und Enden von Sensoren wimmelt oder der Zimmerschlüssel blinkt.
Aus unserem Glauben ergeben sich klare Wünsche. Wir brauchen keinen elektronischen Schlüssel, sondern das gute, alte Schloss bitte. Keine Lichtschranken, Bewegungsmelder und Sensoren, die den Schabbat-Spaziergang zum Spiessroutenlauf umgestalten. Ein Minjan in Gehnähe und genau unseren Gewohnheiten entsprechend, innerhalb des T‘chum Schabbat ein schöner Spaziergang, Spielplatz für die Kinder und natürlich schönes Wetter.
Wir brauchen keine Massage mit Alpenblick. Uns reicht eine Wohnung mit Küche, wo wir den Schabbat in Ruhe vorbereiten können. Kerzen an, Challot (Schabbatbrote) auf den Tisch, fertig. Wir suchen einen Ort, an dem wir als Familie zusammen sein können – mit Essen, Tora und Wanderschuhen. Und ja, wir bringen unseren eigenen Wasserkocher, unsere Brotbackmaschine und unser eigenes Geschirr mit. Es wäre also ganz gut, wenn die Küche genügend Stauraum hat, damit wir nicht alles umräumen müssen.
Endlich abschalten – doch etwas stört mich im Unterbewusstsein
Und dann schleicht sich in die Vorfreude ein Gedanke ein. Und wieder bin ich so gespalten. Ich bin hier in der Diaspora, schlafe jede Nacht tief und fest, keine Sirene weckt mich. Ich verrichte meinen Alltag und ärgere mich über die neue Baustelle, den nicht funktionierenden öffentlichen Verkehr und den unfreundlichen Nachbarn, der seinen Abfall zu früh rausstellt.
Und was passiert in Israel? Wie verbringen die Menschen dort ihre Ferien? Können sie als ganze Familie irgendwo in der Kühle abschalten?



Was machen unsere Freunde in Israel?
Was ist mit unseren Brüdern und Schwestern in Israel? Wie können wir hier einfach so weitermachen, in die Ferien fahren und so tun als sei alles normal? Business as usual? Die aktuelle Situation lässt mich nicht in Ruhe. Ich greife zum Telefon, wähle die Nummer meiner Schwester in Israel und warte. Tut, tut, tututut… Hallo? Ich höre ihre Stimme. Gott sei Dank, bei uns ist alles in Ordnung! Ja bei uns auch?
Und dann kommt die Frage: Was macht ihr in den Sommerferien? Ja die Kinder gehen ins Camp. Es ist halt nun in der Schule, dort gibt es einen grossen Bunker. Ja, man plant Ferien, es können allerdings nicht alle mit: Der Sohn und der Mann der Tochter müssen dazwischen noch 2-3 Wochen einrücken. Ja wir haben Flüge in die Schweiz gebucht. Mit El Al, da weiss man, was man hat. So kommen wir sicher wieder zurück. Meine Freunde und Verwandte in Israel planen Ferien, sie bereiten Hochzeiten vor und sie freuen sich auf diese Zeit. Das Leben geht weiter und man organisiert, man packt, man reist und man lebt.
Und wir hier in der Diaspora? Was machen wir? Wir reisen, wir heiraten, wir organisieren, wir fahren in die Berge, ans Meer und besuchen Städte. Wir leben und geniessen den Sommer.
Es hat sich gelohnt
Dann, wenn die Kinder müde, aber glücklich ins Bett fallen und wir abends zusammensitzen, den Tag und die Zeit Revue passieren lassen und auf neue Gedanken gekommen sind – dann, wenn wir zufrieden von den neuen Eindrücken, den Erlebnissen und den Bekanntschaften sind, dann wissen wir: Ja, der Aufwand hat sich gelohnt. Gestärkt nehmen wir das kommende jüdische Jahr mit allen Herausforderungen an.
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